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20 + 1 Jahre Tongruben Muggenbach

Arche Noah, Insel der Zeit

Es sollte kein großes Fest werden zum Jubiläum, doch die Exkursionen zum Jubiläum lockten viele Interessierte an. Und natürlich haben wir es unserem Ehrenvorsitzenden Hubert Weiger zu verdanken das es doch für alle ein wirkliches Fest wurde. Er, der auch von Anfang an in die Rettung der Muggenbacher Tongruben involviert war, erinnerte daran wie schwer es schon damals war "seine Stimme für die Natur zu erheben, erst recht im benachteiligten Grenzraum".

Vor 20 + 1 Jahren wurden die „Tongruben bei Muggenbach“ als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Vorausgegangen waren langjährige Auseinandersetzungen zwischen Naturschutzverbänden und der Stadt Seßlach auf der einen Seite und auf der anderen Seite dem Zweckverband für Abfallwirtschaft in NordwestOberfranken, der hier eine Reststoffdeponie errichten wollte. Kurz zuvor konnte der BUND Naturschutz mit Unterstützung des Bayerischen Naturschutzfonds die Muggenbacher Tongruben erwerben. Dies ermöglichte dann die Durchführung von dringend notwendigen Pflege- und Entwicklungsmaßnahmen zum Erhalt der wertvollen Rohboden- und Offenlandstandorte, die der vorherige Eigentümer nicht zuließ. Am 1.5.2000 feierte der BUND Naturschutz den Erhalt der Tongruben Muggenbach. Das Fest bildete damals den Abschluß von fast zweieinhalb Jahrzehnten Kampf und Bürgerengagement um die Muggenbacher Tongruben.

Coronabedingt konnte letztes Jahr das 20jährige Jubiläum nicht stattfinden und so entschieden wir, „feiern wir halt 20+1“. Niemand konnte ahnen, dass uns die Pandemie auch 2021 noch beschäftigt und das geplante Fest etwas kleiner und ohne Festversorgung stattfinden muss. Das schmälert unsere Freude über die damalige Rettung und die seither erfolgreiche Pflege des gesicherten Biotops aber keineswegs.

In den 1970er Jahren bahnte sich hier, in einer Landschaft, in der alles in Ordnung zu sein schien, ein umweltpolitisches Drama an: 1977 Einleitung ROV mit Ziel Graue Grube als Hausmülldeponie > 1978 Planungsgedanke „Reststoffdeponie“ für Schlacke der MVA Coburg > 1989 hydrologische und geologische Vorerkundungen > 1993 technische Planung und „Umweltverträglichkeitsprüfung“. 1995 erwarb der BN ein Grundstück im benachbarten Geiersbachtal, um besser gegen die geplante Reststoffdeponie klagen zu können. Die 1995 vorliegenden Ergebnisse der Prüfungen, der UVP (!), stellten dem Gelände ein schlechtes Umweltzeugnis aus, so daß nichts mehr gegen die Errichtung einer Reststoffdeponie zu sprechen schien. Aus heutiger Sicht war das eine fragwürdige UVP.

Heute ist es unbestritten, dass wir es hier mit einem landes- bis bundesweit bedeutsamen Lebensraum zu tun haben. Muggenbach zeigt aber auch den langen Atem, den Bürger*innen und Naturschutz oft brauchen. 1979 begann der „Arbeitskreis Ökologie Coburg“ des BUND Naturschutz unter Leitung des leider verstorbenen Biologen Peter Beck eine großräumige Kartierung der Vogelarten, Libellen, Amphibien und Pflanzen im Coburger Land und Obermaintal. Dabei zeigte sich rasch die ganz besondere Bedeutung der Tongruben Muggenbach für seltene und gefährdete Arten.

1987 gründete sich eine Bürgerinitiative, die gemeinsam mit dem BN und dem LBV bereits 1988 bei der Unteren Naturschutzbehörde die Unterschutzstellung beantragte. 1990 erfolgte bei der Höheren Naturschutzbehörde in Bayreuth der Antrag auf Ausweisung als Naturschutzgebiet. Doch den Anstrengungen, die verstärkt wurden ganz engagiert von der Stadt Seßlach, Herrn BM Dressel und dem LBV, damals unter Leitung von Waldemar Barnickel, heute Frank Reißenweber, denen ebenso unser Dank gebührt wie Herrn Krüg, stellvertretend für die BI, war kein Erfolg beschieden.

1995, als bereits alles zu spät zu sein schien spielte das Glück eine entscheidende Rolle: BI, Roland Günter und Dr. Klaus Mandery lernten sich kennen. Klaus Mandery, bayernweit anerkannter Entomologe, nahm sich die Wildbienen- und Wespenarten vor, eine Tiergruppe, die sich v.a. auf Rohbodenstandorte spezialisiert haben und sehr gute Indikatoren für die Wertigkeit von Bodenaufschlüssen sind. Das 1995 veröffentlichte Gegengutachten von Klaus Mandery und der BI war der endgültige Wendepunkt. Unter größter Heimlichkeit mußte Klaus Mandery die Arten damals auf dem Tongrubengelände erfassen, mußte regelrecht Versteck spielen. Als dann die Ergebnisse vorlagen, war es der renommierte Fotograf Roland Günter, der mit exzellenten und mitreißenden Fotos der Arten die Basis für eine breite, intensive Öffentlichkeitsarbeit der BI und des BN legte.

Im Dezember 1997 war es ein großartiger Erfolg aller Beteiligten, diese Deponie in einem der schutzwürdigsten Biotope Nordbayerns zu verhindern und von der Bezirksregierung die Mitteilung zu erhalten, daß statt dessen – wie seit langem vom BN gefordert - die Ausweisung als Naturschutzgebiet vorgesehen sei.

Das Verfahren zog sich aber hin, weil umfangreiche und regionalplanerisch wie bergrechtlich verbindliche Abbaugenehmigungen bestanden. Die Höhere Naturschutzbehörde bemühte sich, einen Ankauf der Fläche zu realisieren und konnte in langwierigen Verhandlungen mit dem Besitzer einen Gesamtpreis von 950.000 DM mit Ablösung sämtlicher Nutzungsrechte für die 23 Hektar große Fläche vereinbaren. Es fand sich trotz intensivster Bemühungen bei Kommunen, Landkreis, LBV usw. kein Käufer, der den verbleibenden Eigenanteil übernimmt. Erst 1999 konnte der BN einspringen. Alle Beteiligten, von der Kreisgruppe Coburg, Unterer und Höherer Naturschutzbehörde, StMLU, Naturschutzfonds, Gemeinde Seßlach, Bürgerinitiative, Landesbund für Vogelschutz und der Verkäufer (Graf Ortenburg) befürworteten eindringlich einen Ankauf durch den BN als Träger, da nur diese Form eines regulären Ankaufsprojektes die Probleme lösen würde.

Der Bayerische Naturschutzfonds hat dann den Ankauf zu 85 % gefördert: Von den 950.000 DM übernahm 122.500 der BN, 10.000 DM die Stadt Seßlach, 10.000 DM der Landkreis Coburg, den Rest der Naturschutzfonds.

Zur naturschutzfachlichen Wertigkeit: Zu den Muggenbacher Tongruben, einem im Itz-Baunach-Hügelland in 300 – 380 m ü.NN liegenden und ringsum von Wald umgebenenen Biotopkomplex aus Kleingewässern, feuchten und trockenen Pioniergesellschaften und Sukzessionsstadien, Rohbodenstandorten, Felsabbrüchen und thermophilen Waldrändern, hat der BN seit 1979 umfangreiche Daten erhoben (Rasterkartierung Coburg und Obermaintal); weitere umfangreiche Gutachten erfolgten durch die Höhere Naturschutzbehörde, die BN Kreisgruppe Haßberge und Prof. Plachter, Universität Marburg.

Der Datenstand zur Schutzwürdigkeit ist exzellent. Das Gebiet bietet ein unvergleichliches Spektrum an Hautflüglern. Nachgewiesen wurden damals bereits 225 Arten, darunter 132 Wildbienenarten. Damit werden alle bekannten Vorkommen in Mitteleuropa übertroffen. Besonders eindrucksvoll ist das breite Spektrum von 78 Rote Liste Arten, darunter drei vom Aussterben bedrohte Arten. Eine Art war für Deutschland bereits „verschollen“, eine Grabwespenart Psen exaratus wurde erstmals in Bayern und erst zum zweiten Mal in Deutschland nachgewiesen. Hautflügler sind für diesen Biotoptyp hervorragende Bioindikatoren. Aber auch die anderen Arten wie das in Oberfranken mit Abstand größte Gelbbauchunkenvorkommen, Kreuzkröte, Wechselkröte, Heidelerche, Ziegenmelker, Eisvogel, Kleine Pechlibelle, Zweigestreifte Quelljungfer und viele andere belegen ein extrem hohes Spektrum an seltenen und bedrohten Arten.

Ein Grund für diesen Artenreichtum ist die Großflächigkeit des Gebietes und daß es sich um ein sehr altes, bislang extensiv genutztes Abbaugebiet handelt. Ende des 19. Jahrhunderts begann für Porzellan und Steingutbetriebe ein kleinflächiger, langsam fortschreitender Abbau der grauen, roten und grünlichen Tone von der Grauen Grube hinab zur Roten Grube. Es konnten sich Artvorkommen aus dem 19. Jahrhundert halten, die den Standort bereits zu Zeiten besiedelt haben, als die umgebende Landschaft noch viel reichhaltiger ausgestattet war. Dem Gebiet, das sich über historische Zeiträume entwickeln konnte, kommt eine immens hohe Refugialfunktion zu – Arche Noah, Insel der Zeit.

Artenbestände, die wegen intensiver Landnutzung aus den umliegenden Fluren verschwanden und nur im von Wald abgeschirmten Bereich der Tongruben die letzten Jahrzehnte überdauern konnten. Die landesweite und bundesweite (!) Bedeutung der Muggenbacher Tongruben war damals in allen Gutachten, im ABSP Bayern, im ABSP Coburg gut belegt. Seit 2000 ist es auch Naturschutzgebiet und damit national gesichert.   verbindlichen Abbaurechte war dies die einzige Erhaltungsmöglichkeit für das überaus wertvolle Gebiet.

Der Erfolg für die Natur war nur möglich dank eines breiten Bündnisses vor Ort. Dank deshalb an: Die damalige Bürgerinititative: Bei einer Strategiebesprechung in ihrem Wohnzimmer hatten Marianne und Helmut Krüg aus Gemünda gemeinsam mit dem Seßlacher Ehepaar Gabriele und Ingo Rickhaus und weiteren Gleichgesinnten im Mai 1987 die Bürgerinitiative gegründet. Aus den „Gegnern der Giftmülldeponie“ wurde später die „Schutzgemeinschaft Muggenbach“. Roland Günter, für seine hervorragende Mitwirkung, nicht nur mit Fotoaufnahmen. Dem ehemaligen Bürgermeister Hendrik Dressel und dem heutigen Bürgermeister Maximilian Neeb der Stadt Seßlach, Freie Wähler. Vorgänger war von 2014 bis 2018 Martin Mittag CSU. Dessen Vorgänger war Hendrik Dressel Freie Wähler, dem LBV Waldemar Barnickel und Frank Reißenweber für die gute jahrelange Zusammenarbeit, der damaligen Vorsitzenden Kreisgruppe Coburg, Rita Poser, den heutigen Vorsitzenden Stefan Beyer und Wilhelm Stadelmann für ihren Einsatz. Klaus Mandery, Vorsitzender der Kreisgruppe Haßberge und hervorragender Etymologe für seine hervorragende Arbeit. Der Ortsgruppe mit Tobias Mehling, für die vielen vielen Stunden Pflege in Handarbeit. Dem Landschaftspflegeverband Coburg für die gute Beweidung und Pflege. Um die wertvollen Offenlandräume zu erhalten, findet seit 2019 in der „Roten Grube“ des Naturschutzgebiets eine Beweidung mit Kamerunschafen und Burenziegen statt, die Volker Hager betreut. Dem früheren Besitzer, Graf Ortenburg, für die konstruktiven Kaufverhandlungen. Der Regierung von Oberfranken für die gute Zusammenarbeit in der Vorbereitung des Ankaufes und bei der Änderung der Naturschutzgebiets-Verordnung, dem Landkreis Coburg und der Stadt Seßlach, die sich mit je 10.000 DM an dem Ankauf beteiligten, dem Bayerischen Naturschutzfonds für die Förderung des Ankaufes, für die Zusammenarbeit dabei. Dr. Kai Frobel, Artenschutzreferent des BN, der den Ankauf durch den BN organisierte.

Dank aber auch an die zahllosen Spender im Land, die dem BN den Ankauf überhaupt ermöglichten. Die hier erworbenen Grundstücke gehören zu unserem 'Netz des Lebens', das wir in ganz Bayern knüpfen und das derzeit 2.650 Hektar schutzwürdiger Lebensräume in ganz Bayern umfasst. 1.750 Hektar sind Eigentumsflächen des BN, weitere 900 Hektar wurden gepachtet. Trotz der Förderung durch den Bayerischen Naturschutzfonds ist es für einen Verband, der sich nur über Beiträge und Spenden finanziert, eine gewaltige Herausforderung, derartige Projekte zu schultern. 

„Fischotter – der König des Wassers kehrt zurück“

Fischotterausstellung im Naturkunde-Museum-Coburg

Noch immer ist es ein seltenes Glück in Bayern einen Fischotter zu sehen. Wie schon vor 120 000 Jahren bereichert er allmählich wieder unsere Flüsse und Auen. Er mahnt uns zur Wiedergutmachung an unseren geschundenen Flusslandschaften. Otter und Mensch profitieren gleichermaßen von intakten fischreichen Flüssen und extensiv genutzten Teichlandschaften.

Willkommen daheim!

Die Ausstellung kann schon jetzt virtuell auf der Homepage des BN besucht werden.

www.bund-naturschutz.de/umweltbildung/ausstellungen/fischotter